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Süddeutsche Zeitung vom 9. Februar 2021

Probewohnen in 3D

Ein Unternehmen aus Olching bei München bietet Bauherren an, ihr Objekt bereits in der Projektphase begehen zu können. Wie das geht? Mithilfe von acht Beamern und einer Gewerbehalle.

Ein bisschen wie in einem überdimensionalen Puppenhaus müssen sich die Menschen fühlen, wenn sie durch die große Halle im Olchinger Gewerbegebiet gehen. Nur, dass es sich dabei nicht um irgendein Haus handelt, sondern um ihr eigenes Heim. Oder besser gesagt: ihr zukünftiges Zuhause. Denn genau das ist die Geschäftsidee, die hinter dem jungen Unternehmen „Grundriss in Lebensgröße“ steckt: Menschen, die eine Immobilie planen, einen Rundgang durch ihre künftigen vier Wände zu ermöglichen – noch bevor mit dem Bau begonnen wird. Das Unternehmen ist europaweit das erste, das dieses Konzept anbietet.

Auf die Idee gekommen sind die beiden Geschäftsführer Lucas Nummer und seine Verlobte Gissou Ataee durch ihre Arbeit in der Immobilienbranche. „Wir hatten immer wieder Kunden, die gesagt haben, dass sie sich nur anhand des Grundrisses nur schwer vorstellen können, wie die Größenverhältnisse sind, weil sie keinen Bezug zu Quadratmetern, Längen und Breiten haben“, erzählt Nummer. Dann habe er ein australisches Video gesehen, in dem jemand mal einen Raum in Lebensgröße nachgebaut hat. „Da habe ich mir gedacht, dass könnte man doch mit einer ganzen Wohnung oder einem ganzen Haus machen. Ich habe die Idee an verschiedenen stellen gepitcht und so ist der Stein ins Rollen gekommen“, so der 26-Jährige.

Die Umsetzung ist simpel. Über acht Beamer wird der Grundriss der geplanten Immobile auf den Boden der umgebauten Gewerbehalle projiziert. Darauf werden dann mobile Wände und die passenden Einrichtungsgegenstände platziert. So entsteht ein Eins-zu-Eins-Nachbau des Geschosses. Die Kunden können dann darin rumlaufen und schauen, ob alles so ist, wie sie sich das vorgestellt haben. Sie können die Wände verschieben und Möbel umräumen, wenn etwas noch nicht ganz ihrer Idee entspricht – solange, bis alles passt. Der Bauplan kann anschließend entsprechend angepasst werden. „Man bekommt dadurch einfach ein super Raumgefühl. Ein klassisches Beispiel ist die Gästetoilette, die immer klein und eng geplant wird. Bei uns können die Kunden dann schauen, wie es ist, wenn man die Wand vielleicht mal 30 Zentimeter verschiebt“, erklärt Nummer.

So einfach die Idee ist, so überraschend ist es, in einer Welt wachsender digitaler Möglichkeiten auf eine weitgehend analoge Lösung zu setzen. „Durch die Digitalisierung wird alles immer spektakulärer, es gibt immer bessere Virtual-reality-Brillen, immer mehr Möglichkeiten. Wir sind alle den ganzen Tag am Handy und in der Social-Media-Welt. Dabei ist doch die echte Welt das, was uns ausmacht. Bei uns können die Leute spüren, wie ihr Haus sein wird. Das ist simpel, aber die simplen Ideen sind meistens die besten“, sagt Nummer.

Die Rückmeldungen der ersten Kunden hätten genau das bestätigt. „Wir haben in der vergangenen Woche eröffnet und schon 60 Termine gehabt. Mit so einem Ansturm haben wir nicht gerechnet.“ Zu den Kunden gehörten vom Käufer über Bauträger, Makler und Architekten alle Gruppen, die etwas mit der Immobilienplanung zu tun haben.

Die Interessenten erwartet allerdings nicht nur ein einfacher Rundgang, sondern ein „Event in einer Erlebniswelt“, wie Nummer es nennt. Empfangen werden sie mit einem roten Teppich, der erst einmal zum Büffet führt. Gestärkt geht es dann auf die Empore zu einem kleinen Fenster in einem handgeschneiderten Stoffvorhang. Von dort blicken sie nach unten auf die Projektionsfläche, auf der ein Countdown von 10 nach unten zählt, danach baut sich in einer Animation der Grundriss auf. „Wir haben uns überlegt, wie wir so ein trockenes Thema zum Leben erwecken können. Das löst bei den Menschen echte Emotionen aus, wenn sie zum ersten Mal sehen, wofür sie ihr Geld ausgeben wollen“, sagt Nummer. Nach der Animation geht es dann durch einen beleuchteten Tunnel auf die Projektionsfläche. „Für uns steht der Kunde im Vordergrund. Natürlich wollen wir auch Geld verdienen, aber vor allem wollen wir ein Erlebnis bieten“, betont der Geschäftsführer.

Mit der Halle in Olching sind die Pläne von Nummer, Ataee und ihren sieben Kollegen, alle Mitte 20, aber noch längst nicht beendet. Die Anteile an seiner Immobilienfirmen hat Nummer bereits verkauft, um sich komplett auf das neue Unternehmen konzentrieren zu können. Fünf weitere Standorte in der ganzen Bundesrepublik sind bis Ende des Jahres geplant. Das Problem sei, dass sie die Idee nicht patentieren könnten, weil sie ja nichts erfunden hätten, sondern nur bestehende Technik nutzten. Was Nummer aber nicht entmutigt: „Ein guter Bekannter hat mal zu uns gesagt: Jungs, macht euch keinen Kopf, nicht die Großen fressen die Kleinen, sondern die Schnellen die Langsamen.“

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